Die Scham enttarnen

Von Veit LindauWann hast du dich das letzte Mal geschämt? Warum? Wie hat es sich angefühlt? Kennst du die Erfahrung von Scham überhaupt? Denn nicht jeder kann sich schämen.

Einige international renommierte Psychologen gehen zum Beispiel einhellig davon aus, dass Donald Trump an bösartigem Narzissmus leidet. Diagnose: Unheilbar. Ein Symptom: Die Unfähigkeit, Scham zu empfinden. Es gibt ernsthafte Überlegungen, ob es viele Führungskräfte in großen Konzernen nur deshalb bis in die oberen Etagen schaffen, weil sie nicht fähig sind, Scham zu empfinden. Wenig schmeichelhaft spricht man auch von kontrollierten Psychopathen. Wenn du die furchtbar lähmende Wirkung dieses Gefühls am eigenen Leib gut kennst, denkst du vielleicht: „Haben die es gut!“

Scham ist auf der Emotionalskala – neben Schuld – die mit Abstand destruktivste (energieraubendste) Erfahrung. Wenn wir uns schämen, sackt unser Selbstwert in den Keller. Wir denken nicht mehr klar, sondern eng und meist schlecht über uns. Es kann zu heftigen körperlichen Reaktionen kommen – vom leichten Erröten bis zum kompletten Blackout. Scham trifft nicht nur unsichere Menschen. Ich habe starke, selbstbewusste Klienten unter ihrer Last zusammenbrechen sehen. Sie kann spontan auftreten oder zur tief verwurzelten Lebenshaltung werden. Ich habe mit Klienten gearbeitet, die sich – völlig irrational und dennoch real spürbar – dafür schämten, überhaupt am Leben zu sein. Dennoch hat Scham – bewusst wahrgenommen und weise integriert – ihren positiven Wert für unsere Entwicklung. Lass uns das näher untersuchen.

Nicht dem Standard entsprechen

Wo kommt sie her, die Scham? Dies ist ein umfangreiches Thema, dennoch möchte ich hier einige ihrer zentralen Ursachen auf verschiedenen Ebenen unseres Lebens beleuchten.

Doch zuerst erscheint es mir wichtig, Scham von Schuld zu differenzieren. Um dich schuldig zu fühlen, brauchst du keinen anderen Menschen. Schuld signalisiert dir, dass du deine oder die dir von Gesellschaft, Familie, Kirche auferlegten Werte verletzt hast. Du kannst allein auf einer Insel sitzen und dich dennoch für etwas, was du getan hast, schuldig fühlen.

Um Scham zu empfinden, brauchst du allerdings ein Gegenüber. Ein reales oder eingebildetes. Wir wurden nicht allein auf dem Mond ausgesetzt, sondern als interaktive Wesen in eine soziale Gemeinschaft hereingeboren. Eines unserer bedeutsamsten Bedürfnisse ist der Wunsch, von anderen richtig gesehen und erkannt zu werden. In ihren Reaktionen suchen wir nicht nur nach Liebe und Anerkennung, sondern auch nach der Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“

Scham hat immer auch etwas mit dem Aufdecken eines Aspekts zu tun, von dem wir nicht wollten, dass ihn andere sehen bzw. den wir selbst sogar verdrängt hatten. Indem unser Gegenüber ihn wahrnimmt, wird er auch für uns selbst wesentlich präsenter. Es gibt mindestens fünf Ebenen der Scham.

Da wäre zuerst die gesellschaftlich induzierte Scham. Wir schämen uns, wenn wir nicht den vorgegebenen Standards entsprechen. Jungs schämen sich in der Dusche, wenn andere über ihren (angeblich) zu kleinen Penis lachen. Frauen schämen sich manchmal ein Leben lang, weil sie nicht den irren Schönheitsidealen entsprechen, die ihnen die Modeindustrie aufdiktiert. Männer fühlen Scham, weil sie nicht so erfolgreich sind wie der Nachbar. Die „Spiris“ schämen sich (insgeheim), wenn sie doch noch Ego-Gelüste verspüren.

Je weniger wir mit unserem wahren Wesenskern verbunden sind, desto mehr Energie werden wir aufwenden, um dieser Scham zu entgehen. Wir tun cool. Wir verleugnen unsere Schulden, bis wir einen Offenbarungseid leisten müssen. Wir leben Doppelleben. Wir spritzen Botox …

Diese Scham fühlt sich extrem unangenehm an, doch du kannst sie nutzen, um deine eigenen Maßstäbe zu überprüfen, an denen du Potenz, Erfolg, Schönheit oder Erleuchtung misst. Manchmal schämst du dich nämlich, weil du deine eigenen Werte verletzt und dich von anderen dabei ertappt fühlst. Darüber solltest du froh sein, auch wenn es sich peinlich anfühlt. Steh dazu und kümmere dich darum, die Lücke zwischen deinem Anspruch und deiner Realität zu schließen. Außerdem kann dir deine Scham helfen, dein Bedürfnis aufzudecken, von anderen eine Bestätigung zu bekommen, die du dir letztendlich nur selbst geben kannst.

Zu sich und der eigenen Sexualität stehen

Besonders hervorheben möchte ich die sexuelle Scham. Interessanterweise verwenden wir das Wort „Scham“ ja auch für die äußeren Geschlechtsorgane des Menschen, insbesondere für die der Frauen. Ist es nicht erstaunlich, dass Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis naschen und danach als Erstes nichts Wichtigeres zu tun haben, als ihre „Scham“ mit einem Feigenblatt zu bedecken? Wenn du mich fragst, klang diese Story nie nach einem gütigen Gott, sondern einem puritanischen Vater, der versucht, die Lust seiner Kinder einzudämmen, um sie besser kontrollieren zu können. Stell dir vor, kein Mensch würde sich mehr für seine Lust schämen? Wir würden offen darüber sprechen und unsere Wünsche direkt kommunizieren. Wie viel mehr leuchtende Gesichter würdest du auf den Straßen sehen? Halleluja!

Wahrscheinlich gibt es keinen anderen Lebensbereich, in dem wir uns schneller schämen und stärker versucht sind, diese nackten Momente mit gespielter Coolness oder rigider Moral zu übertünchen. Sexualität ist neben unserer Arbeit und unseren nahesten Beziehungen die stärkste Quelle unserer Selbstachtung. Wenn wir hier über unsere Grenzen gehen bzw. die von außen gesetzten Moralgrenzen überschreiten, schämen wir uns schnell und oft sehr tief. Wir sprechen in unseren Seminaren von würdevoller Sexualität. Jeder von uns ist eingeladen, seine für ihn angemessene Form der Sexualität behutsam zu entdecken und mit gleichgesinnten Spielgefährten zu feiern. Dies ist ein Weg. Er braucht Ehrlichkeit und Achtsamkeit. So viele von anderen übernommene Tabus und Klischees sitzen mit auf der Bettkannte, wenn wir „es“ tun. Frauen schämen sich für ihre Wildheit, Männer für ihre Unbeholfenheit. Wir schämen uns für unsere Fantasien oder dafür, dass wir Dinge mit uns machen lassen, die uns nicht guttun. Sprecht, sprecht, sprecht miteinander! Es gibt nicht die EINE richtige Sexualität. Doch es gibt DIE, die dir Spaß macht und deine Scham heilt.

Wie weit will ich transparent sein?

Die nächste Quelle nenne ich die intime Scham. Eine der effektivsten Foltermethoden besteht darin, den Inhaftierten jegliche Intimsphäre zu rauben. Jeder Mensch sollte das Recht haben zu wählen, wie viel seines Lebens er welchem Menschen preisgibt. Das betrifft unseren Körper, aber auch unsere Gefühle und Gedanken. Ich stehe zum Beispiel auf maximale Transparenz. Du kannst so gut wie alles von mir erfahren. Dies ist ein bewusst gewählter Lebensweg. Ich habe die Sommerferien meiner Kindheit am FKK-Strand verbracht. Nacktheit ist für mich kein Problem. Doch ich habe auch zartbesaitete Freunde, die sehr genau unterscheiden, wer was von ihnen sehen darf. So hat jeder von uns seine individuelle Intimsphäre. Wird diese verletzt, empfinden wir Scham. Wir können diesen Moment nutzen, um uns zu fragen, ob es an der Zeit ist, eine nicht mehr aktuelle Barriere aufzugeben oder sie klar zu verteidigen, weil sie für unsere Würde essentiell ist. Interessanterweise sind wir bei ausreichender Empathie fähig, uns „fremd“ zu schämen, wenn die Intimsphäre eines anderen Menschen verletzt wird – zum Beispiel in all den Menschen entwürdigenden Fernsehshows, „Bauer sucht Frau“, „Dschungelcamp“,…

Bloßgestellt und erniedrigt

Wir müssen auch über traumatisierte Scham sprechen. Dies ist ein tief im Unterbewusstsein verankertes Gefühl einer generellen Scham, „einfach nicht gut, sondern hässlich, böse, unzulänglich, schmutzig zu sein“. Diese tiefe seelische Wunde kann durch ein einzelnes Erlebnis (Missbrauch) ausgelöst worden sein oder wurde durch ein kontinuierliches Feld von Vorwurf, Erniedrigung und Bloßstellung getriggert. Unreife und unbewusste Autoritäten (Eltern, Priester, Lehrer, Offiziere) können stark versucht sein, Herabsetzung und Liebesentzug zu nutzen, um das Kind bzw. anvertraute Adepten zu kontrollieren.

Als Kinder sind wir extrem von der Meinung unserer Umgebung abhängig. Wir wollen ja dazugehören. Wir wollen geliebt werden. Wir wollen durch die Reaktionen der anderen begreifen, wer wir wirklich sind. Also trifft uns der Liebesentzug doppelt. Er verunsichert uns und hinterlässt die Information, dass wir so, wie wir sind, nicht richtig sind. Dann wird Scham eventuell zum Dauerzustand. Du schämst dich, da zu sein, und weißt später nicht einmal mehr, warum. Das kannst du verschieden kompensieren. Vielleicht entwickelst du eine devote, leise durch das Leben huschende Persönlichkeit – in der Hoffnung, andere mögen dich und deinen von dir gefühlten Makel am besten ganz übersehen. Oder – wie es bei manchen Narzissten der Fall ist, du entwickelst ein aufgeblähtes, lautes, scheinbar extrem selbstsicheres Ego.

Du hältst alle anderen auf Trab, erniedrigst sie und bringst sie dazu, sich zu schämen. Du vermeidest alle Momente tiefer Berührung, die den Bluff enttarnen könnten. Wenn dich dieser Abschnitt berührt, empfehle ich dir, dich mit Hilfe kompetenter psychologischer Begleitung langfristig mit dem Thema auseinanderzusetzen. Hier helfen Ratgeberbücher nur begrenzt weiter.

Das große Missverständnis

All die bis hierher beschriebenen Formen der Scham existieren nur auf Grund eines existentiellen Missverständnisses. Die letzte Scham in Worte zu fassen, ist für mich herausfordernd. Wenn du sie bereits erlebt hast, weißt du sofort, was ich meine. Ich nenne sie die essentielle Scham. Jedes Ego ist letztendlich nichts weiter als ein Programm aus Denk-, Gefühls- und Verhaltensgewohnheiten. Wir legen es uns im Laufe unserer Entwicklung zu, um gut zu funktionieren, einen halbwegs lukrativen Platz in der Herde zu ergattern, Beziehungspartner zu gewinnen…

Nichts gegen das Ego. Es ist ein nützliches Konstrukt, um den Alltag zu meistern. Doch das bist nicht DU! Tiefer als Ego existiert in jedem von uns essentielles Bewusstsein. Ursprünglich. Nicht geprägt. Immer frisch. Immer staunend. Selbst wenn du nicht auf spirituellen Pfaden unterwegs bist, kennst du den Unterschied. Unsere Essenz kommt oft unerwartet zum Vorschein. Im Verliebtsein. Beim Lachen. In einem Moment nackter Verletzlichkeit beim Sex. In deiner Liebe für ein Kind oder ein Tier. Wer sich einer essentiellen Arbeit hingegeben hat – zum Beispiel Meditation, holotropem Atmen oder dem Enneagramm – der weiß sicher auch, was ich meine.

Die Momente, wenn unser Ego ins Stolpern gerät und DAS zum Vorschein kommt, was wir wirklich sind, sind so kostbar. So nährend. So erhellend. Und doch werden sie häufig begleitet von einer kurz, doch intensiv gefühlten Scham. Ich nenne es nach dem Märchen von Andersen den „Kaiser-ohne- Kleider“-Effekt. Denn wenn wir die Welt aus den Augen unserer ursprünglichen Essenz schauen, erkennen wir auch, wie lächerlich die Versuche unseres Egos waren, sich eine Besonderheit zuzulegen, die es nie hatte.

Wir sehen, wie oft wir aus dem Ego heraus unsere liebsten Mitmenschen missinterpretiert haben. Wie wir uns gegenseitig wie Objekte benutzten und es auch noch „Liebe“ nannten. Wie banal und automatisch die Mechanismen unseres Programms sind. Da hat das kleine Ego so viel Zeit investiert, um für uns in dieser Welt des Scheins eine Hülle aufzubauen, mit der wir möglichst gut punkten können. Wichtig, wissend, dramatisch,…

Wir haben es uns selbst geglaubt! Und da stehen wir plötzlich. Nackt. Nicht körperlich. Aber seelisch. Eigentlich ein so befreiender Moment. Denn wenn du weißt, wer du wirklich bist, kann dich die Scham aus den anderen vier Quellen nicht mehr antasten. HIER, in deiner tiefsten Essenz, warst du unschuldig, natürlich schön und wirst es immer sein. Dennoch fühlst du Scham. Doch die ist jetzt gut. Sie lässt dich noch einmal sehr bewusst den Unterschied wahrnehmen – zwischen einem urteilenden, mechanisch agierenden Ego und deinem wahren, staunenden, frischen Sein. Diese Scham macht dich nicht klein, sondern wach. Sie bricht feine Fissuren in die glatte Schale deines Egos, durch die ein Licht dringt, nach dem du dich immer gesehnt hast. Du verstehst die Worte von Marianne Williamson aus ihrem berühmten Zitat: „Wir haben Angst vor unserer wahren Größe…“

Diese wahre Größe in dir muss sich mit niemanden messen. Sie muss niemanden gefallen. Sie kann sich nicht schämen. Sie heilt all die alte Scham. Sie lässt dich deine Mitmenschen in ihrem wahren Licht sehen. Und zum ersten Mal erkannten sie einander und es gab keinen Grund mehr für Scham. Sie waren frei. Immer schon gewesen.

 

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